Ethische Beurteilung der Xenotransplantation
Ethische Beurteilung der Xenotransplantation
Grundsätzlich lassen sich im Bereich der ethischen Bewertung der Xenotransplantation zwei Themenkomplexe unterscheiden. Diskutiert werden ethische Implikationen der Xenotransplantation erstens mit Blick auf den Menschen und zweitens in Bezug auf Tiere.
Folgen der Xenotransplantation für den Menschen
Im Mittelpunkt der Debatte steht erstens die Frage, ob der finanzielle und logistische Aufwand, den die Forschung zur Xenotransplantation erfordert, gerechtfertigt ist, obwohl die Ergebnisse nur einer relativ kleinen Gruppe von Menschen, nämlich denjenigen, denen tierliche Organe erfolgreich transplantiert werden, zugutekommt. Problematisch ist zudem, dass Forschung mit Menschen betrieben werden muss, um überhaupt Fortschritte auf dem Gebiet der Xenotransplantation erzielen zu können. Diskutiert wird darüber hinaus über Nutzen und Risiken der Xenotransplantation für den Menschen. Die hohe Verfügbarkeit von tierlichen Organen und die Möglichkeit menschliches Leben verbessern oder retten zu können werden als Nutzen ausgewiesen. Als Risiken werden vor allem Infektionen und Abstoßungsreaktionen, die mit der Übertragung der Organe von Tieren auf Menschen einhergehen können, diskutiert. Da sich der menschliche Organismus von dem des Tieres unterscheidet, können sowohl Infektionen als auch Abstoßungsreaktionen in noch viel größerem Maße auftreten als dies bei der Übertragung menschlicher Organe der Fall ist. Problematisch ist nicht nur die Möglichkeit der Übertragung bereits humanpathogener Infektionserreger, sondern auch, dass sich bislang nicht humanpathogene Erreger durch die Transplantation zu solchen entwickeln könnten. Uneinigkeit besteht in der Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sich ein solcher Infektionserreger herausbildet. Um der medizinethischen Anforderung gerecht zu werden, dass Patienten über mögliche Risiken informiert werden, wird die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Möglichkeit eines neuen Infektionserregers gefordert. Ferner wird die Gefahr diskutiert, dass die Bereitschaft Organe postmortal oder auch lebend zu spenden sinken könnte, wenn tierliche Organe zur Verfügung ständen, wodurch wiederum ein Organmangel an „qualitativ hochwertigeren“ menschlichen Organen entstehen könnte.
Tierethische Beurteilung der Xenotransplantation
Die tierethische Beurteilung der Xenotransplantation ist stark von der zugrundeliegenden ethischen Perspektive abhängig. Zu unterscheiden sind dabei der Anthropozentrismus, demzufolge nur der Mensch einen genuin eigenständigen moralischen Wert besitzt, der Pathozentrismus, der die Empfindungsfähigkeit und das Selbstbewusstsein zum Ausgangspunkt moralischer Beurteilungen nimmt, der Biozentrismus, der jedem Lebewesen einen intrinsischen moralischen Wert zuweist und schließlich der Holismus, der sowohl die belebte als auch die unbelebte Natur als moralisch signifikant wertet und dessen moralische Beurteilungen sich nicht auf Individuen beziehen, sondern auf das Gesamtsystem. Darüber hinaus sind Binnendifferenzierungen zu beachten, etwa die Unterscheidung zwischen dem starken Anthropozentrismus, der nicht menschlichen Entitäten keinen moralischen Wert zugesteht und dem schwachen Anthropozentrismus, dem zufolge nicht menschliche Entitäten einen abgeleiteten moralischen Wert besitzen.
Die Xenotransplantation wird, in Abhängigkeit davon welche der soeben skizzierten Positionen zugrunde gelegt wird, unterschiedlich bewertet.
Im starken Anthropozentrismus ist die Verpflanzung tierlicher Organe zum menschlichen Nutzen unproblematisch. Da nur Menschen ein moralischer Status zukommt, sind Tiere jederzeit als Gebrauchsobjekte zu verstehen, die zum menschlichen Wohl genutzt werden dürfen. Der schwache Anthropozentrismus ermöglicht es, Tieren einen vom Menschen abgeleiteten moralischen Status zuzuordnen. So ist die Tierquälerei in einer kantischen Ethik deshalb problematisch, weil sie zu einer Verrohung des Tierquälers führe. Die verletzte Pflicht betrifft daher nicht einen moralischen Wert des Tieres, sondern die Einschränkung der Fähigkeit zur Empathie des Menschen. In diesem Sinne kann argumentiert werden, dass die Transplantation tierlicher Organe dann gerechtfertigt ist, wenn das Tier nicht übermäßig leiden muss.
Der Pathozentrismus wird etwa von Peter Singer verteten, der das Interesse, Leid zu vermeiden als eine Eigenschaft versteht, die eine moralisch signifikante von einer moralisch indifferenten Existenz unterscheidet. Darüber hinaus ist Singer ein Präferenzutilitarist, dem zufolge jede Handlung moralisch geboten ist, die eine maximale Befriedigung von Interessen erzeugt. Aus Singers Ansatz folgt, dass die graduelle Einteilung des moralischen Wertes eines Lebewesens nicht abhängig von der Spezies ist – solche Theorien werden „speziesistisch“ genannt – sondern von der Ausprägung der Fähigkeit, über Interessen zu verfügen. Daraus wiederum folgt die Symmetrieüberlegung, dass Lebewesen mit einer vergleichbaren Fähigkeit über Interessen zu verfügen, vergleichbar behandelt werden sollten. Wenn also die Interessefähigkeit eines Pavians ähnlich stark ausgeprägt ist wie die eines Säuglings, der an einer Anencephalie erkrankt ist, einer Krankheit, bei der das Gehirn des Neugeborenen nicht vollständig ausgeprägt ist und dessen Lebenserwartung wenige Tage nicht übersteigt, dann dürfen entweder beiden Lebewesen die Organe entnommen werden oder keinem der beiden.
Ursula Wolf, die ebenfalls eine pathozentrische Position vertritt, deren Ansatz des generalisierten Mitleids aber das Individuum betont, kritisiert an Singers Utilitarismus, dass er das „Leid an sich“ zu minimieren versuche, dabei aber übersehe, dass Leid stets von einem Individuum erfahren werde. Da Leid an ein Individuum gebunden sei, müsse die Organentnahme bei einem leidensfähigen Lebewesen kategorisch ausgeschlossen werden. Die Leidensfähigkeit ist dabei nicht eine bloße Schmerzempfindung, vielmehr ist damit ein allgemeiner Begriff gemeint, dessen positiver Gegenbegriff das Wohlbefinden ist.
Der Biozentrismus schließlich weist allen lebenden Organismen einen genuin moralischen Status zu. Dabei ist eine weitere Gewichtung zwischen Menschen und Tieren auch im Biozentrismus möglich, der Unterschied zum Pathozentrismus liegt aber darin, dass nicht nur leidens- oder interessefähige Lebewesen einen moralischen Status besitzen, sondern alle Lebewesen, etwa auch Pflanzen. Aus dem Biozentrismus folgt daher eher die Forderung nach einem schonenderen Umgang mit Tieren und Pflanzen, weniger eine Forderung nach einer absoluten Gleichstellung allen Lebens in moralischer Hinsicht.
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Varianten
- ethischen Beurteilung der Xenotransplantation

