Sachstand
I. Naturwissenschaftlich-medizinischer Sachstand
II. Ausgewählte nationale und internationale Gesetze und Regelungen
III. Kernfragen der ethischen Diskussion
IV. Module
Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen
Stand: Oktober 2011
Ansprechpartnerin: Theresia Volhard
Der Blickpunkt wurde verfasst und digital realisiert im Auftrag des Kompetenznetzwerks Stammzellforschung NRW (siehe Web-Adresse http://www.stammzellen.nrw.de/de.html).
I. Naturwissenschaftlich-medizinischer Sachstand
Was sind Stammzellen?
Unter der Bezeichnung "Stammzellen" wird eine uneinheitliche Gruppe von Zellen zusammengefasst, die mindestens die folgenden zwei Eigenschaften gemeinsam haben:
- Stammzellen sind Vorläuferzellen von hoch differenzierten Zellen.
- Nach einer Teilung der Stammzellen können die Tochterzellen entweder wieder zu Stammzellen werden (self-renewal) oder sich gewebespezifisch, z.B. zu Herz-, Nerven-, Haut- oder Muskelzellen, differenzieren.
Stammzellen treten zuerst in der frühen Embryonalentwicklung auf. Bereits die befruchtete Eizelle (Zygote) stellt eine totipotente (siehe Modul Totipotenz, Pluripotenz) Stammzelle dar (Abbildung 1) (siehe Modul Frühe Embryonalentwicklung), die die frühen Embryonalstadien (siehe Modul Frühe Embryonalentwicklung) durchläuft und aus der sich später alle Gewebe des menschlichen Körpers bilden. Je weiter die Spezialisierung der Tochterzellen einer Stammzelle voranschreitet, desto stärker wird das Spektrum ihrer Differenzierungsmöglichkeiten in verschiedene Gewebe eingeschränkt.
In vielen Geweben des erwachsenen Menschen existieren zeitlebens Stammzellen, die wichtige Aufgaben bei der Geweberegeneration und -reparatur erfüllen. Sie erhalten die Funktionsfähigkeit von Geweben und Organen aufrecht, indem sie differenzierte Zellen nachliefern und beschädigte oder abgestorbene Zellen ersetzen.
Die Einteilung und Benennung der Stammzellen erfolgt uneinheitlich und führt somit leicht zu Missverständnissen. Stammzellen werden entweder nach ihrer Potentialität (siehe Modul Totipotenz, Pluripotenz), gebräuchlicher weise aber nach der Art ihrer Gewinnung (siehe Modul Gewinnung menschlicher embryonaler Stammzellen), unterteilt und benannt. Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich die Unterscheidung zwischen adulten und embryonalen Stammzellen herausgebildet. Aus naturwissenschaftlicher Sicht genauer wäre es hier, einerseits von gewebespezifischen statt von adulten Stammzellen zu sprechen und andererseits von Stammzellen, die je nach Herkunft als
- EC-Zellen (embryonic carcinoma cells) aus embryonalen Tumorzellen,
- EG-Zellen (embryonic germ cells) aus den fötalen Vorläuferzellen der Geschlechtszellen,
- ES-Zellen (embryonic stem cells) aus frühen Embryonalstadien (Blastozysten) bezeichnet werden.
Die Gewinnung von ES-Zellen aus Blastozysten, bei der der frühe Embryo zerstört wird, ist ethisch besonders umstritten.
Für ES-Zellen konnten die folgenden Eigenschaften nachgewiesen werden:
- ES Zellen sind in Zellkultur unbegrenzt teilungsfähig.
- Ihre Chromosomenzahl bleibt stabil.
- Sie besitzen die Fähigkeit, unter geeigneten Bedingungen alle Gewebe des Körpers zu bilden (Pluripotenz)(siehe Modul Totipotenz, Pluripotenz).
Wie werden humane embryonale Stammzellen aus Blastozysten gewonnen?
Zur Gewinnung von embryonalen Stammzellen macht man sich vor allem die Technik der In-vitro-Fertilisation (IVF) (siehe Modul In-vitro-Fertilisation (IVF)) zunutze, die in der Reproduktionsmedizin etabliert wurde, um bei ungewollter Kinderlosigkeit eine Schwangerschaft herbeizuführen. Bei der Unfruchtbarkeitsbehandlung werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen mit einem Katheter in der Gebärmutter der Frau platziert, wo sie sich zu einem Kind entwickeln können (Abbildung 2) (siehe Modul Embryonentransfer nach IVF). Frühe, in vitro erzeugte Embryonen können aber auch zur Herstellung von embryonalen Stammzelllinien dienen.
Fünf bis sechs Tage nach der Befruchtung ist die befruchtete Eizelle (Zygote) (siehe Modul Frühe Embryonalentwicklung) zu einer Blastozyste herangereift. Diese besteht aus einer umhüllenden Zellschicht - dem so genannten Trophoblasten, aus dem der kindseitige Teil des Mutterkuchens hervorgeht - und aus der inneren Zellmasse, aus der sich der Fötus entwickelt.
Zur Gewinnung der Stammzellen (Abbildung 3) (siehe Modul Gewinnung menschlicher embryonaler Stammzellen) wird der Trophoblast entweder durch die Anwendung von Antikörpern oder durch Laserstrahlen zerstört, was eine Fortentwicklung des Embryos unmöglich macht. Die nun zugängliche innere Zellmasse wird in einer Zellkulturschale in einem speziellen Nährmedium aufgenommen und kultiviert. Die Zellen können unter den Zellkulturbedingungen weiter wachsen ohne sich zu differenzieren. Aus ihnen gehen die ES-Zellen hervor.
Es wurde bislang noch kein Verfahren entwickelt, das erlaubt, ES-Zellen zu gewinnen und gleichzeitig die Integrität und Entwicklungsfähigkeit des Embryos zu erhalten.
Zudem wird im Ausland intensiv daran geforscht, humane embryonale Stammzellen aus zuvor geklonten Embryonen (siehe Blickpunkt Forschungsklonen) oder aus durch Parthenogenese ('Jungfernzeugung') (siehe Modul Parthenogenese) erzeugten Embryonen zu isolieren.
Die künstliche Erzeugung von Blastozysten, die für die Gewinnung von ES-Zellen eingesetzt werden, ist auf verschiedene Art vorstellbar. Dementsprechend kann man ES-Zellen einteilen in:
- ES-Zellen aus durch In-vitro-Fertilisation (IVF) (siehe Modul In-vitro-Fertilisation (IVF)) erzeugten Blastozysten (Abbildung 4) (siehe Modul Entwicklung zur Blastozyste nach IVF).
- ES-Zellen aus durch Zellkerntransfer (SCNT) (siehe Modul Zellkerntransfer (Somatic Cell Nuclear Transfer (SNCT))) erzeugten Blastozysten (sog. Forschungs- oder therapeutisches Klonen) (siehe Blickpunkt Forschungsklonen) (Abbildung 5) (siehe Modul Zellkerntransfer (Somatic Cell Nuclear Transfer (SNCT))).
- ES-Zellen aus durch Parthenogenese erzeugte Blastozysten.
Bislang ist vor allem die IVF beim Menschen eingesetzt worden, um humane embryonale Stammzelllinien zu gewinnen. Außerdem ist es gelungen, embryonale Stammzelllinien aus Embryonen zu isolieren, die auf dem Weg der Parthenogenese erzeugt wurden. Stammzellen aus Klon- oder Partheno-Embryonen und Stammzellen aus IVF-Embryonen unterscheiden sich wahrscheinlich vor allem im Hinblick auf ihre Immunverträglichkeit. Bei einer Transplantation mit Gewebe aus IVF-ES-Zellen erwartet man starke Abstoßungsreaktionen, wie sie bei der Transplantation von fremdem Gewebe auftreten. Bei einer Transplantation mit Gewebe aus SCNT-ES-Zellen, dem so genannten therapeutischen Klonen (siehe Blickpunkt Forschungsklonen), oder mit Geweben aus Stammzellen aus Parthenogenese, erwartet man hingegen keine oder nur geringe Abwehrreaktionen, insofern Zellkernspender und Gewebeempfänger genetisch identisch wären.
Prinzipiell könnte die Technik des Zellkerntransfers auch für das reproduktive Klonen genutzt werden. Bei einigen Säugetierarten wurden auf diese Weise Embryonen aus Zellkerntransfer in den Uterus eingespült. Der erste erfolgreiche Versuch bei Säugetieren war die Erzeugung von Klonschaf Dolly. Diese Methode ist allerdings mit hohen Missbildungs- und Sterblichkeitsraten verbunden.
Was sind die Ziele der Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen?
Humane embryonale Stammzellen sind sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die klinische Forschung von großem Interesse. Es wird angenommen, dass sie aufgrund ihrer Fähigkeit zur unbegrenzten Vermehrbarkeit eine schier unerschöpfliche Quelle zur Gewinnung von Zell- und Gewebeersatz darstellen. Aufgrund ihrer Differenzierungseigenschaften sind sie als Forschungsobjekt geeignet, um eine Vielzahl von Entwicklungsprozessen im Detail zu untersuchen.
In der Grundlagenforschung stehen die Aufklärung von molekularen Mechanismen der Spezialisierung einzelner Zellen sowie die Untersuchung der Organisation von Zellen im Gewebeverband und in Organen im Vordergrund. Darüber hinaus möchte man ein verbessertes Verständnis der Entwicklung und Regulation früher Stammzellstadien erreichen und die Mechanismen, die der Fähigkeit zu Vermehrung und Differenzierung zugrunde liegen, erforschen.
Im Rahmen der klinischen Forschung erhofft man sich von embryonalen Stammzellen die Möglichkeit zur Schaffung von Gewebeersatz, besonders im Hinblick auf solche Gewebe, die nur ein geringes oder gar kein Regenerationsvermögen aufweisen, wie z. B. Nervengewebe. Ziel ist die Anwendung von ES-Zellen zur Behandlung von verschiedenen Krankheiten, z. B. neurodegenerativer Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Multiple Sklerose, Diabetes mellitus Typ 1 sowie Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems. Diskutiert wird auch, ES-Zellen genetisch zu manipulieren und so im Rahmen einer Gentherapie etwa zur Wiederherstellung eines zerstörten Immunsystems zum Einsatz zu bringen, zum Beispiel in der Therapie der HIV-Erkrankung (siehe Web-Adresse http://stm.sciencemag.org/content/2/36/36ra43.abstract?sid=dedaab31-25dd-4b78-a856-fd55b340fcf5).
Was ist der derzeitige Stand der Forschung?
Seit der Gewinnung der ersten humanen ES-Zelllinien im Jahr 1998, sind im Bereich der Forschung mit embryonalen Stammzellen vielfältige Fortschritte zu verzeichnen. Im Rahmen von In-vitro-Differenzierungen von humanen embryonalen Stammzellen ist bis jetzt gelungen, Vorläuferzellen von verschiedenen Nervenzellen (siehe Modul Nervenzellen), Herzmuskel- und Blutgefäßzellen (siehe Modul Herzmuskel- und Blutgefäßzellen), Blutzellen (siehe Modul Blutzellen), Bauchspeicheldrüsenzellen, Leberzellen und Trophoblastenzellen (siehe Modul Leber-, Bauchspeicheldrüsen- und Trophoblastenzellen) aus humanen embryonalen Stammzellen zu generieren. Die Zuordnung der Vorläuferzellen zu einer dieser Gewebegruppen erfolgte dabei meist nicht durch den Nachweis ihrer Funktionalität, sondern aufgrund der von den Zellen gebildeten Oberflächenmoleküle. In einigen Fällen wurden die aus humanen ES-Zellen gewonnenen Vorläuferzellen in Modellorganismen, z.B. Mäuse und Hühner, transplantiert. Hier zeigten sich jedoch wenig Hinweise auf eine funktionale Beteiligung der Zellen an einem Gewebeverband. Im Juli 2006 wurde die Gewinnung von Spermien aus murinen embryonalen Stammzellen (siehe Modul Spermien aus murinen Stammzellen) beschrieben.
Im Jahr 2008 veröffentlichten zwei Forschergruppen unabhängig voneinander Verfahren, mit denen erfolgreich menschliche somatische Zellen so reprogrammiert (siehe Modul Reprogrammierung) wurden, dass sie signifikante Eigenschaften von embryonalen Stammzellen aufwiesen. Derartige Zellen werden induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) genannt. Vorteil von Verfahren mit iPS-Zellen ist, dass sie in ethischer und rechtlicher Hinsicht weniger problematisch sind, als direkt aus Embryonen gewonnene Zelllinien. Wissenschaftlich allerdings ist das Verfahren mit Risiken verbunden, die vor einem Einsatz im Rahmen therapeutischer Verfahren behoben werden müssen. Bei den bisherigen Verfahren war es zur Reprogrammierung notwendig, dass vier bestimmte Gene (Oct4, Sox2, c-Myc und Klf4) in die jeweilige Zelle eingeschleust werden. Viren dienten hierbei als Vehikel zum Einschleusen der Gene, die in das Erbgut der Zelle selber eindringen und es verändern. Die Veränderung des Erbguts kann jedoch zu genetischen Anomalien führen. Diese können sich nur auf einzelne DAN-Bausteine beziehen, aber auch ganze DNA-Abschnitte betreffen und sogar zu einer veränderten Chromosomenanzahl führen. Je nach Verfahren treten die Mutationen zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf und können, wenn sie Kontrollabschnitte für das Zellwachstum betreffen, sogar zu einem erhöhten Krebsrisiko führen. Eine Therapie mit Gewebezellen, die aus den reprogrammierten Zellen gewonnen werden, ist daher zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Verschiedene Forschungsgruppen (siehe Modul iPS-Forschung) arbeiten jedoch intensiv an Möglichkeiten, die beschriebenen Probleme zu lösen.
Im Oktober 2009 hat die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften zusammen mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) eine Stellungnahme (siehe Modul Stellungnahme der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina)) zu dieser neuen Technik der Stammzellgewinnung veröffentlicht.
Die Gewinnung embryonaler Stammzellen nach Zellkerntransfer (sog. Klonen zu Forschungszwecken bzw. therapeutisches Klonen) beim Menschen erweist sich, abgesehen von den ethischen und rechtlichen Problemen, als technisch schwierig und ist bislang nicht gelungen. 2004 hatte die Forschergruppe um den koreanischen Tierarzt Hwang (siehe Modul Betrug Hwang) die erfolgreiche Klonierung von menschlichen Zellen publiziert. Dies stellte sich jedoch als Betrug heraus. Tatsächlich gelungen war es der Forschergruppe hingegen, humane embryonale Stammzellen ohne Klonierungstechniken, auf dem Weg der Parthenogenese (siehe Modul Parthenogenese) zu gewinnen. Hierbei wird eine Eizelle so aktiviert, dass sie sich ohne Zugabe eines Spermiums zu teilen beginnt. Auch andere Forschergruppen arbeiten derzeit an Möglichkeiten, aus den so erzeugten Embryonen Stammzellen zu gewinnen, um diese wiederum in verschiedene Zellarten auszudifferenzieren. Da die so erzeugten Embryonen nur bedingt entwicklungsfähig sind, wird ihre Verwendung zu Forschungszwecken oft als ethisch weniger bedenklich eingestuft, als Forschung an entwicklungsfähigen Embryonen.
Auch in weiteren Forschungsansätzen wird versucht, mögliche ethische Bedenken bezüglich des Embryonenverbrauchs bei der Stammzellgewinnung zu umgehen. Zum Beispiel wird versucht, Stammzellen zu kultivieren, die zuvor aus Fruchtwasser (siehe Modul Stammzellen aus Fruchtwasser) isoliert wurden. So wurde beschrieben, dass aus derartigen Zellen bereits menschliche Fett-, Muskel-, Knochen-, Nerven- und Leberzellen gezüchtet worden sind.
Lange galt eine baldige klinische Anwendung der Stammzellforschung als unrealistisch. Angebote für stammzellbasierte Therapien wurden allenfalls von dubiosen Privatkliniken in Ländern ohne entgegenwirkende Regulierungen beworben. Zwischenzeitlich werden verschiedene klinische Forschungsvorhaben durchgeführt, die Anlass zu einer Revision der vormaligen Einschätzung geben: Im Oktober 2010 haben Ärzte im Shepherd Center in Atlanta, USA erstmals einen teilweise gelähmten Patienten mit embryonalen Stammzellen behandelt. Der Eingriff erfolgte im Rahmen einer im Januar 2010 von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen klinischen Studie des Biotechnikunternehmens Geron. An der Phase 1 Studie sollen insgesamt zehn Patienten in sieben Kliniken in den USA teilnehmen. Ziel ist zunächst, die Sicherheit der Methode bei der Anwendung beim Menschen zu prüfen. Langfristig geht es darum, dass Querschnittgelähmte ihre Gefühls- und Bewegungsfähigkeit zurückgewinnen. Im Rahmen der so genannten GRNOPC1 Therapie werden dem Patienten um die 2 Millionen aus embryonalen Stammzellen gewonnene Vorläuferzellen von Oligodendrozyten injiziert. Die Forscher hoffen, dass sich die Vorläuferzellen in myelinproduzierende Oligodendrozyten umwandeln, welche die Weiterleitung von Nervenimpulsen ermöglichen. Über den Ausgang des Versuchs wurde noch nichts bekannt.
Eine weitere Studie an Patienten wurde von der US-Arzneimittelbehörde Ende November 2010 zugelassen. Das Biotech-Unternehmen Advanced Cell Technology (ACT) erhielt die Genehmigung, Patienten, die an der Augenkrankheit Morbus Stargardt leiden, mit aus embryonalen Stammzellen entwickelten Pigmentepithezellen zu behandeln. Um ethischen Bedenken bei der Verwendung von embryonalen Stammzellen zu begegnen, werden hierbei embryonale Zellen von Embryonen aus reproduktionsmedizinischen Zentren zum Einsatz gebracht, die gewonnen wurden, ohne die Embryonen zu zerstören. Den Embryonen werde vielmehr in einem sehr frühen Entwicklungsstadium eine von acht Zellen entnommen. Dieses Verfahren ist für die weitere Entwicklung des Embryos unbedenklich und wurde ursprünglich für die Untersuchung von IVF-Embryonen auf schwere genetische Defekte entwickelt.
Im Juni 2011 begann ein Forschungsteam um Steven Schwartz an der University of California mit der Auswahl geeigneter Patienten, die an Stargardt Macular Dystrophie, einer fortschreitenden Erblindung, die meist bereits im Kindesalter beginnt, oder an einer Form altersbedingter Macular Degeneration leiden, um erste klinische Versuche mit unter Verwendung embryonaler Stammzellen entwickelten Therapeutika durchzuführen. Nach erfolgreichen Versuchen am Rattenmodell hoffen die Forscher, die durch die Erkrankungen geschädigten Zellen des Auges durch die aus embryonalen Stammzellen gewonnenen Zellen sicher ersetzen und hierdurch die Sehleistung wieder herstellen zu können.
Was sind die offenen Fragen und Probleme?
Sowohl für embryonale Stammzellen als auch für adulte Stammzellen sind im Hinblick auf eine mögliche klinische Anwendung die folgenden Kriterien zu berücksichtigen:
- Vermehrbarkeit: Die Stammzellen müssen in Kultur in ausreichender Menge vermehrbar sein.
- Differenzierbarkeit: Sie müssen sich zur Ausdifferenzierung in den jeweils benötigten Zelltyp anregen lassen.
- Reinheit: Es müssen ausdifferenzierte Zellen eines einzigen Zelltyps gewonnen werden können, keine Zellgemische.
- Zielgenaue Integrierbarkeit: Der Zell- oder Gewebeersatz muss sich im Körper an die richtige Stelle transplantieren lassen.
- Sicherheit vor Tumorbildung: Es muss gewährleistet werden, dass die Transplantate nicht unkontrolliert weiter wachsen oder Tumore bilden können.
- Dauerhafte therapeutische Effektivität: Die Transplantate müssen im Organismus ihre Funktionalität unter Beweis stellen und eine therapeutische Wirkung auch über einen längeren Zeitraum entfalten.
- Immunverträglichkeit: Die Zelltransplantate sollten vom Immunsystem des Empfängerorganismus nicht abgestoßen werden.
Die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen steht noch am Anfang, die Beantwortung der folgenden Fragen aus der Grundlagenforschung stellt eine Voraussetzung für ihre erfolgreiche reguläre Anwendbarkeit in der regenerativen Medizin dar:
- Wie können ES-Zellen effizient gewonnen werden?
- Sind alle ES-Stammzelllinien gleich?
- Wie können ES-Zellen genetisch verändert werden?
- Wie wird die Differenzierung der Tochterzellen von Stammzellen reguliert?
- Welche neuen Methoden und Werkzeuge werden benötigt, um diese Differenzierung in vivo und in vitro zu messen und zu steuern?
Gibt es Alternativen zur Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen?
Als Alternativen für die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen werden vor allem die gewebespezifischen, adulten Stammzellen angesehen, zu denen man auch Stammzellen aus Nabelschnurblut zählt.
Die Grundlagenforschung untersucht, wie sich humane embryonale Stammzellen kultivieren, differenzieren und manipulieren lassen. Diese spezifischen Eigenschaften können nur an den ES-Zelllinien selber untersucht werden; adulte Stammzellen stellen für diesen Bereich deshalb keine Alternative dar.
Auf dem Gebiet des Gewebeersatzes aus adulten Stammzellen sind bis heute einige therapeutische Verfahren hervorgegangen, die in der Klinik zum Teil bereits eingesetzt werden, so z.B. die Knochenmarktransplantation nach einer Strahlentherapie (blutbildende Stammzellen) oder die Regeneration von Haut nach Verbrennungen (hautbildende Stammzellen). Hieraus kann aber nicht auf eine besondere Eignung von adulten Stammzellen für die Verwirklichung der weiter oben genannten Ziele der klinischen Forschung geschlossen werden. Für eine Beurteilung der Eignung sind die genannten Kriterien, Vermehrbarkeit, Reinheit, Differenzierbarkeit etc., maßgeblich.
Aus heutiger Sicht lässt sich vermuten, dass adulte Stammzellen in Bezug auf Reinheit, Sicherheit vor Tumorbildung und Immunverträglichkeit für die klinische Anwendung besser geeignet sind als ES-Zellen. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass auch die Verwendung adulter Stammzellen in der therapeutischen Praxis nicht frei von Risiken ist, die es noch weiter zu verstehen und, wenn möglich, einzudämmen gilt.
In Bezug auf Vermehrbarkeit und Differenzierbarkeit lässt der gegenwärtige Stand der Forschung einen deutlichen Vorteil für ES-Zellen erkennen, wobei die Immunverträglichkeit von ES-Zellen aus SCNT-Blastozysten wahrscheinlich denen der adulten Stammzellen entsprechen dürfte. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man aus naturwissenschaftlicher Sicht keine begründete Abschätzung liefern, die einer der beiden Forschungsrichtungen in Bezug auf ihre klinischen Anwendungsmöglichkeiten den Vorrang vor der anderen einräumen könnte.
Seit einiger Zeit versuchen Forscher, pluripotente Stammzellen direkt aus Gewebematerial zu gewinnen. Ob dieser Ansatz bereits erfolgreich getestet wurde, ist derzeit heftig umstritten. Im Frühsommer 2010 brach diesbezüglich eine Kontroverse zwischen Stammzellforschern aus. Ein Team um den Tübinger Anatomieprofessor Skutella hatte im Jahre 2008 in einer Veröffentlichung behauptet, pluripotente Stammzellen ohne Umweg über einen Embryo direkt aus dem Gewebe menschlicher Hoden gewonnen zu haben. Renommierte Stammzellforscher, wie der Münsteraner Hans Schöler, zweifeln die Ergebnisse dieser Studie Skutellas an und kritisieren dessen wissenschaftliches Vorgehen. Skutella und sein Forschungsteam kündigten an, die umstrittenen Stammzellen noch einmal heranzuzüchten und die Ergebnisse erneut zu publizieren. Eine Publikation der Ergebnisse der wiederholten Studie steht derzeit aus.
Eine weitere gelegentlich diskutierte Alternative zur Forschung an humanen embryonalen Stammzellen ist die ausschließliche Forschung am Tiermodell. Auch an Mäuse-Stammzellen, so ein geläufiges Argument, lassen sich die Kultivierbarkeit sowie die Mechanismen der Differenzierung von Stammzellen erforschen. Die Forschung an diesen Zellen ist zudem nicht reglementiert und Vorexperimente mit ihnen dienen häufig der Planung und Rechtfertigung anschließender Folgeexperimente mit humanen Stammzellen. Ein Problem besteht jedoch in der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen, da die Differenzierungsmechanismen embryonaler Mäuse-Stammzellen zum Teil durch andere Wachstumsfaktoren gesteuert werden als bei humanen embryonalen Stammzellen. Eine Lösung dieser Problematik schien sich 2007 abzuzeichnen, als die Forscher Ludovic Vallier und Gabrielle Brons Zellen aus weiterentwickelten Mäuse-Föten isolierten, die auf die getesteten Wachstumsfaktoren genauso reagierten wie humane embryonale Stammzellen. Allerdings zeigen neue Forschungsergebnisse von 2010, dass sich auch diese sogenannten Epiblast-Stammzellen (siehe Modul Epiblast-Stammzellen) der Mäuse nicht mit humanen embryonalen Stammzellen gleichsetzen lassen. Die Forscher um Hans Schöler fanden heraus, dass diese Zellen zwar ähnlich auf bestimmte Wachstumsfaktoren, wie Activin reagieren, jedoch andere Mechanismen dahinter stecken, wodurch die Forschung an diesen Epiblast-Stammzellen der Mäuse irreführend sei.

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