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Die Bedeutung des Tierversuchs für die Forschung

Tierversuche in der Forschung

Stand: März 2013
Ansprechpartner: Thorsten Galert

Autorennachweis

 

I. Die Bedeutung des Tierversuchs für die Forschung


Versuchstierzahlen: Deutschland und Europa

Tierversuche werden unter anderem zur Erforschung von physiologischen Prozessen, zur Entwicklung von Produkten und Therapieverfahren und zur Überprüfung der Produktsicherheit durchgeführt.

Die Zahl der Versuchstiere steigt stetig an. Für den Zeitraum vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2010 dokumentiert der Tierschutzbericht (siehe Modul Tierschutzbericht) der Bundesregierung einen Anstieg der Gesamtzahl der für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke verwendeten Wirbeltiere von 1 825 215 auf 2 856 316 Tiere. Die derzeit aktuellsten Zahlen für 2011 verzeichnen einen weiteren Anstieg auf 2 911 705 Versuchstiere, was gegenüber dem Vorjahr einen Zuwachs von 1,9 Prozent bedeutet. Als Hauptgründe für diese Steigerung werden der vermehrte Einsatz transgener Tiere, die vor allem in der medizinischen Forschung genutzt werden, sowie der Ausbau des Forschungsstandortes Deutschland genannt.

Nach Angaben der Europäischen Kommission (KOM-Bericht) (siehe Modul KOM-Bericht) wurden in den Mitgliedstaaten der EU im Jahr 2008 etwas mehr als 12 Millionen Tiere für wissenschaftliche Versuche verwendet. Damit ergibt sich ein kleiner Rückgang gegenüber den Angaben für das Jahr 2005 (12,1 Millionen Tiere), obwohl zwischenzeitlich zwei weitere Mitgliedstaaten (Bulgarien und Rumänien) in die EU aufgenommen wurden. 

Mäuse und Ratten stellen zusammen, sowohl in Deutschland als auch in Europa, die größte Versuchstiergruppe dar (ca. 80%), an zweiter Stelle stehen in Deutschland Fische (ca. 7%), an dritter Stelle Kaninchen (ca. 5%). Nicht-menschliche Primaten (siehe Modul Grundlagenforschung an Primaten in Bremen) machten 0,1% der Versuchstiere aus. Seit 1991 werden in Deutschland keine Menschenaffen (siehe Modul Menschenrechte für Menschenaffen) (Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans) mehr für Versuchszwecke eingesetzt.

Im Jahre 2005 wurden, genau wie im Jahr 2002, auch in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union keine Versuche an Menschenaffen durchgeführt; für den nachfolgenden Zeitraum liegen noch keine Daten vor.

In verschiedenen Bereichen (zum Beispiel in toxikologischen Prüfungen) sind die Versuchstierzahlen rückläufig. Indessen werden in der biologischen Grundlagenforschung seit einigen Jahren vermehrt Tierversuche durchgeführt, so dass ein Drittel der insgesamt verwendeten Versuchstiere auf diesen Bereich entfallen. Der Anstieg geht insbesondere auf den vermehrten Einsatz transgener Mäuse (siehe Modul Transgene Mäuse) zurück. Der größte Teil der Versuchstiere (ca. 45 %) wird für Forschung, Entwicklung und Qualitätskontrolle in den Bereichen Human-, Veterinär- und Zahnmedizin verwendet.

 

Alternativmethoden

In verschiedenen Bereichen können Tierversuche durch alternative Methoden (siehe Modul Alternative Methoden) ersetzt werden. So werden viele Experimente gegenwärtig an Zellkulturen durchgeführt. In Abgrenzung zu Versuchen an lebenden Organismen (In-vivo-Methoden) werden diese als In-vitro-Methoden ("im Reagenzglas") bezeichnet. Auch Computersimulationen können dem Ersatz von Tierversuchen dienen, da sie helfen, die Wirkweise von Stoffen im Körper vorherzusagen. In welchem Maße Alternativmethoden Tierversuche in naher Zukunft ersetzen können, ist umstritten. Zumindest für den Bereich der Kosmetikforschung (siehe Modul Kosmetikrichtlinie) ist ein vollständiger Ersatz der Sicherheitsprüfungen am Tier durch alternative Testverfahren vorgesehen. Forscher weisen aber darauf hin, dass auch zukünftig Tierversuche, vor allem in Medikamentenprüfungen, nicht vollständig zu ersetzen seien: die Komplexität eines intakten Organismus sei notwendig, um alle Wirkungen eines Stoffes zu überprüfen. So ist im Bereich der neurobiologischen Grundlagenforschung sowie der Infektionsforschung laut einiger Wissenschaftler die Forschung an nicht menschlichen Primaten (siehe Modul Weatherall Report zur Verwendung nicht menschlicher Primaten in der Forschung) bislang noch unersetzbar.

 

Übertragbarkeit der Ergebnisse aus Tierversuchen

In größerem Umfang werden Tierversuche erst seit der Neuzeit (siehe Modul Claude Bernard) durchgeführt. Seither gibt es eine breite Debatte über die Zulässigkeit von Tierversuchen. Seit Beginn dieser Debatte führen Tierversuchsgegner an, die am Tier gewonnenen Erkenntnisse seien nicht auf den Menschen übertragbar und deshalb überwiegend nutzlos. Dieser Vorwurf zielt sowohl auf die in der Grundlagenforschung (z. B. am "Maus-Modell") gewonnenen Erkenntnisse, als auch auf die Ergebnisse von Medikamentenprüfungen an Tieren (siehe Teil II). Zur Debatte stand und steht, ob unterschiedliche Spezies (wie Mensch und Maus) wegen der strukturellen und funktionellen Gleichartigkeit vieler Organe auf gleiche Stoffe gleich reagieren, oder ob die Wirkweise von Stoffen im Organismus in stärkerem Maße speziesspezifisch ist. Wäre Letzteres der Fall, böten beispielsweise Stoffprüfungen am Tier nur eine vermeintliche Sicherheit. In der Geschichte finden sich Belege für beide Auffassungen: Verschiedentlich wurden Forscher durch die Ergebnisse von Tierversuchen zu falschen Forschungshypothesen verleitet (z. B. bei der Forschung an Poliomyelitis (Kinderlähmung) (siehe Modul Poliomyelitis) oder bei der Prüfung der Produktsicherheit in falscher Sicherheit gewiegt (wie im Fall von Contergan (siehe Modul Contergan)). In anderen Fällen erwiesen sich die im Tierversuch beobachteten Wirkeffekte als auf den Menschen übertragbar. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die zentrale Selbstverwaltungseinrichtung der Wissenschaft in Deutschland, geht davon aus, dass durch einen Tierversuch "erwünschte und etwa 70% der unerwünschten Wirkungen, die den Menschen betreffen" vorhersagbar sind (DFG (2004): Tierversuche in der Forschung. Bonn: Lemmens Verlags- und Mediengesellschaft, 2004: 18).

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