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Die Bedeutung des Tierversuchs für die Forschung

Tierversuche in der Forschung

Stand: März 2016
Ansprechpartner: Thorsten Galert

Autorennachweis

 

I. Die Bedeutung des Tierversuchs für die Forschung


Versuchstierzahlen: Deutschland und Europa

Tierversuche werden unter anderem zur Erforschung von physiologischen Prozessen, zur Entwicklung von Produkten und Therapieverfahren und zur Überprüfung der Produktsicherheit durchgeführt.

Laut den vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) erhobenen statistischen Angaben zur Häufigkeit von Tierversuchen (siehe Modul Statistik zu Tierversuchen in Deutschland) ist die Gesamtzahl der pro Jahr verwendeten Wirbeltiere zwischen 2003 und 2012 kontinuierlich von 2 212 376 auf 3 080 727 Tiere angestiegen. Seitdem sinken die Zahlen leicht, zuletzt um 6,7% von 2013 auf 2014. Von den 2014 insgesamt für wissenschaftliche Zwecke verwendeten 2 798 463 Wirbeltieren und Kopffüßern wurden rund 2 Millionen in Tierversuchen eingesetzt, knapp 800 000 Tiere wurden ohne vorherige Eingriffe für wissenschaftliche Zwecke getötet. Mit einem Anteil von 43% an der Gesamtzahl der Versuchstiere wurden 2014 die meisten Tiere in der biologischen Grundlagenforschung verwendet. Mit Abstand am häufigsten werden Mäuse für wissenschaftliche Zwecke herangezogen, 2014 stellten sie gut 73% der insgesamt verwendeten Tiere. Dieser hohe Anteil ist unter anderem auf den vermehrten Einsatz transgener Mäuse (siehe Modul Transgene Mäuse) zurückzuführen, die inzwischen fast ein Drittel aller Versuchstiere ausmachen. 

Nach Angaben der Europäischen Kommission (siehe Modul Statistik zu Tierversuchen in der Europäischen Union) wurden in den Mitgliedstaaten der EU im Jahr 2011 etwa 11,5 Millionen Tiere für wissenschaftliche Versuche verwendet. Verglichen mit den Angaben für das Jahr 2008 (12 Millionen Tiere) ergibt sich damit ein Rückgang um 4,2%. Mäuse und Ratten stellen zusammen, sowohl in Deutschland (2011: 84%, 2014: 81%) als auch in der EU mit 75% (2011) die größte Versuchstiergruppe dar; an zweiter Stelle stehen in Deutschland Fische (2011: 7%; 2014: 11%), an dritter Stelle Kaninchen (2011: 3%; 2014: 5%). Nicht-menschliche Primaten machten bei den EU-Mitgliedsstaaten 0,05% der Versuchstiere aus. Seit 1991 werden in Deutschland keine Menschenaffen (siehe Modul Menschenrechte für Menschenaffen) (Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans) mehr für Versuchszwecke eingesetzt. In den Mitgliedstaaten der Europäischen Union ist die Durchführung von Versuchen an Menschenaffen seit Inkrafttreten der EU Tierschutzrichtlinie 2010/63/EU im Jahre 2010 verboten.

 

Alternativmethoden

In verschiedenen Bereichen können Tierversuche durch alternative Methoden (siehe Modul Alternativmethoden) ersetzt werden. So werden viele Experimente gegenwärtig an Zellkulturen durchgeführt. In Abgrenzung zu Versuchen an lebenden Organismen (In-vivo-Methoden) werden diese als In-vitro-Methoden ("im Reagenzglas") bezeichnet. Auch Computersimulationen können dem Ersatz von Tierversuchen dienen, da sie helfen, die Wirkweise von Stoffen im Körper vorherzusagen. In welchem Maße Alternativmethoden Tierversuche in naher Zukunft ersetzen können, ist umstritten. Zumindest für den Bereich der Kosmetikforschung (siehe Modul Kosmetikrichtlinie) ist ein vollständiger Ersatz der Sicherheitsprüfungen am Tier durch alternative Testverfahren vorgesehen. Forscher weisen aber darauf hin, dass auch zukünftig Tierversuche, vor allem in Medikamentenprüfungen, nicht vollständig zu ersetzen seien: die Komplexität eines intakten Organismus sei notwendig, um alle Wirkungen eines Stoffes zu überprüfen. So ist im Bereich der neurobiologischen Grundlagenforschung sowie der Infektionsforschung laut einiger Wissenschaftler die Forschung an nicht menschlichen Primaten (siehe Modul Weatherall Report zur Verwendung nicht menschlicher Primaten in der Forschung) bislang noch unersetzbar.

 

Übertragbarkeit der Ergebnisse aus Tierversuchen

In größerem Umfang werden Tierversuche erst seit der Neuzeit (siehe Modul Claude Bernard) durchgeführt. Seither gibt es eine breite Debatte über die Zulässigkeit von Tierversuchen. Seit Beginn dieser Debatte führen Tierversuchsgegner an, die am Tier gewonnenen Erkenntnisse seien nicht auf den Menschen übertragbar und deshalb überwiegend nutzlos. Dieser Vorwurf zielt sowohl auf die in der Grundlagenforschung (z. B. am "Maus-Modell") gewonnenen Erkenntnisse, als auch auf die Ergebnisse von Medikamentenprüfungen an Tieren (siehe Teil II). Zur Debatte stand und steht, ob unterschiedliche Spezies (wie Mensch und Maus) wegen der strukturellen und funktionellen Gleichartigkeit vieler Organe auf gleiche Stoffe gleich reagieren, oder ob die Wirkweise von Stoffen im Organismus in stärkerem Maße speziesspezifisch ist. Wäre Letzteres der Fall, böten beispielsweise Stoffprüfungen am Tier nur eine vermeintliche Sicherheit. In der Geschichte finden sich Belege für beide Auffassungen: Verschiedentlich wurden Forscher durch die Ergebnisse von Tierversuchen zu falschen Forschungshypothesen verleitet (z. B. bei der Forschung an Poliomyelitis (Kinderlähmung) (siehe Modul Poliomyelitis) oder bei der Prüfung der Produktsicherheit in falscher Sicherheit gewiegt (wie im Fall von Contergan (siehe Modul Contergan)). In anderen Fällen erwiesen sich die im Tierversuch beobachteten Wirkeffekte als auf den Menschen übertragbar. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die zentrale Selbstverwaltungseinrichtung der Wissenschaft in Deutschland, geht davon aus, dass durch einen Tierversuch "erwünschte und etwa 70% der unerwünschten Wirkungen, die den Menschen betreffen" vorhersagbar sind (DFG (2004): Tierversuche in der Forschung. Bonn: Lemmens Verlags- und Mediengesellschaft, 2004: 18).

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